Lumia Stiftung

Geschwisterkinder

„Leider haben wir damals oft zu wenig Zeit für sie gehabt. Wir, Reinhard und ich, bildeten als Paar eine Einheit. Nadja stand leider oft außen vor mit ihren Sorgen und Ängsten. Man wollte sie als achtjähriges Mädchen nicht übermäßig belasten.

Also war sie meist bei ihren Großeltern oder ihrer Freundin, während wir zusammen bei ihrem Bruder saßen. Wir wussten wenigstens immer, wie es ihm ging, auch wenn es ihm schlecht ging. Nur mit unserer Tochter sprach kaum einer ein offenes Wort.

Sie war mit ihren unendlich großen Ängsten allein gelassen. Heute wissen wir es besser, aber so ist es ja oft im Leben.“

Illustration Geschwisterkinder

Eltern eines Kindes, das durch ein plötzliches Ereignis eine schwere Hirnschädigung erlitten hat, haben in der ersten Zeit oft mit intensiven und sehr schmerzhaften Gefühlen zu kämpfen. 

In dieser Zeit gilt es erst mal zu funktionieren, zu begreifen, Entscheidungen zu treffen, da zu sein, zu streicheln, anzusprechen, vorzulesen. Und ab und an selber zu schlafen und zu essen, um bei Kräften zu bleiben. Auch um die Geschwisterkinder kümmern die Eltern sich und sorgen dafür, dass diese umsorgt werden und gute Betreuungspersonen bereitstehen. Eine Woche bei Oma ist zum Beispiel eine Riesenentlastung für die ganze Familie. Das ist normal und kann kaum anders gehen.

Später, wenn die Familie wieder aus der Klinik zu Hause ist, haben Eltern häufig alle Hände voll zu tun, um dem Unterstützungsbedarf ihres erkrankten Kindes entgegenzukommen.

Gleichzeitig sind die Gedanken der Eltern selbstverständlich auch immer wieder beim gesunden Geschwisterkind, und es tauchen Fragen auf wie: Was kann ich konkret tun, um es zu unterstützen? Wie erlebt mein Kind jetzt diese Situation? Mein Gefühl sagt mir, ich soll mein Kind schonen – ist das richtig? Wie soll ich Worte finden? Darf ich mir Unterstützung holen oder ist das Abschieben? Worauf kann ich achten?

Wir haben Marlies Winkelheide besucht, eine Expertin für Geschwister von Kindern mit schwerer Behinderung oder Erkrankung. Ihre beinahe 30-jährige Arbeitserfahrung auf diesem Gebiet schlägt sich in einem vielfältigen Seminarangebot und in der Geschwisterbücherei nieder, die Marlies Winkelheide vor fünf Jahren eröffnet hat und die mit ungefähr 4.000 Büchern wohl die größte Literatursammlung zu diesem Thema in Deutschland ist.

In den Räumen dieser Geschwisterbücherei hat uns Marlies Winkelheide freundlicherweise zu einem Interview empfangen. Ihre Antworten auf unsere Fragen geben anschauliche Hilfe und können ratsuchenden Eltern vielleicht die erste Unsicherheit nehmen.

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