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Hoffnung & Trauer

„Es gab viele, viele glückliche Stunden und Tage. Aber da gab es eben auch die vielen, vielen schlimmen Stunden, Tage, Wochen und die dramatischen Ereignisse, die unseren Kindern und uns unsere ganze Kraft abforderten und die uns alle oft die Grenzen erreichen ließen.“

Seit vielen Jahren begegnen wir in unserer Arbeit Familien, deren Kind durch einen Unfall oder ein anderes plötzliches Ereignis schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten hat. Dabei haben wir viele starke Menschen kennenlernen dürfen. In Einzelkontakten oder jahrelangen Beziehungen mit betroffenen Familien erleben wir immer wieder Formen des Umgangs mit einer schwierigen Lebenssituation, die uns sehr beeindrucken.

Hier stehen Menschen im Spannungsfeld unterschiedlichster Gefühle und Anforderungen; sie entwickeln sich in und mit der neuen Situation weiter; sie vollbringen große Anpassungsleistungen, kämpfen, erleiden Trauer und Verlust und finden bei aller Verzweiflung ihren Lebensmut wieder. Sie suchen nach vielen kleinen, für ihren Alltag tragfähigen Lösungen, bis sie die jeweils richtigen Wege für sich gefunden haben.

Auf dieser Suche erweisen sich widersprüchliche Gefühle als mögliche Begleiter – nicht alle davon erbeten und willkommen: Zerrissenheit, Wut, Hoffnung, Traurigkeit, Erschöpfung, Schmerz und Angst, aber auch Liebe, Zuversicht, Erinnerungen und der starke Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen oder seine Folgen aufzuhalten. 

Es gibt innere und äußere Aspekte, die helfen können, und andere, die nicht helfen. Eine erste Annäherung an diese Unterscheidung wollen wir in diesem Thema wagen. Darüber hinaus vermitteln wir hier einen Einblick in medizinisch-psychologische Theorien über den Umgang mit Verlust und Trauma. Diese Theorien haben Fachleute und -gruppen auf der Grundlage von Erfahrungen mit Betroffenen entwickelt. Sie können möglicherweise Ideen geben, Orientierung bieten oder die persönliche Annäherung an diese Thematik erleichtern.

„Dass ich durch meine berufliche Vorbildung Bescheid wusste über die Trauer und das Erleben von traumatischen Ereignissen, hat mir geholfen. Ich wusste, was da gerade mit mir passiert, ist normal. Ich werde nicht verrückt. Dieses Wissen war extrem wichtig für mich.“

Mutter eines Sohnes mit Schädel-Hirn-Trauma im Alter von 17 Jahren

Im Umgang mit schwierigen, schmerzhaften, belastenden oder aber auch ambivalenten Situationen sind wir Menschen auf Unterstützung angewiesen. Der Verlust eines Kindes durch Krankheit oder Tod, die Aufnahme eines schrecklichen Ereignisses mit weitreichenden Folgen in unser Seelenleben und die Neuordnung von Menschen und Umständen innen wie außen – das alles stellt enorme Anforderungen an unsere Psyche.

Wer ein schwer krankes Kind im Krankenhaus begleitet oder zu Hause versorgt, hat wenig Zeit, sich über die eigene Verarbeitung der Veränderungen Gedanken zu machen. Im Alltag funktionieren zu müssen und sich all den neuen Wissensgebieten über Medizin, Pflege, Versorgung, Bürokratie und vielem mehr zu stellen, belegt einen Großteil der verfügbaren Zeit und verbraucht einen Großteil der Energie. Das Kümmern um die eigenen Bedürfnisse steht häufig erst einmal zurück.

Gedanken wie:

„Das kann ich nicht ewig so durchhalten“;

„Ich merke, dass ich meinen Schmerz unten halte“;

„Ich glaube, er würde mich überwältigen“;

„Dass meine Gefühle so plötzlich hochkommen, stört mich im Alltag“;

„Ich vermisse mein Leben“;

„Ich fühle mich mir fremd“

können dann erste Hinweise auf den inneren Wunsch sein, sich der eigenen seelischen Situation bewusst werden zu wollen, zunächst allein oder mit Hilfe.

Illustration Hoffnung und Trauer

Generell wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch über eigene Kompetenzen, Kräfte und Lösungsideen verfügt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in Beratung und Psychotherapie aus diesem Grund ein ressourcenorientierter Blick stärker verbreitet und bewährt. Das heißt, dass die ureigensten Kräfte, Fähigkeiten und äußeren Bedingungen der jeweils ratsuchenden Person stärker wahrgenommen, gefördert und wertgeschätzt werden. Wir empfehlen Ihnen, diesen Blick auf sich selbst ebenfalls einzunehmen.

„Die Selbstheilungskräfte von Trauernden sind die wichtigste Quelle der Bewältigung, die sie haben.“

Zugleich ist es wichtig, auch hemmende und erschwerende Faktoren für Selbstheilungs- und Bewältigungsprozesse zu erkennen und zu identifizieren. 

Wir möchten Ihnen im Folgenden Konzepte vorstellen, die Erklärungsmöglichkeiten für Gefühle und Annäherungschancen an das Verständnis Ihrer Situation bieten können. Um die seelische Verarbeitung besser verstehen zu können, gibt es hilfreiche theoretische Erkenntnisse. Daraus greifen wir hier Aspekte aus den Theorien zu Trauma, uneindeutigem Verlust, Trauer und Schuld auf.

Trauma – eine psychische Traumatisierung ist eine seelische Wunde, die entsteht, wenn das eigene Leben oder die Gesundheit eines nahestehenden Menschen unvermittelt bedroht gewesen ist.

Uneindeutiger Verlust bezeichnet eine Form des Verlierens – Mein Kind ist noch da, aber trotzdem auch weg –, bei der die Verarbeitung erschwert ist.

Trauer ist die natürliche Reaktion auf den Verlust eines Menschen oder einer Sache, zu dem oder der eine bedeutungsvolle Beziehung bestand.

Schuld oder Schuldgedanken sind ein wichtiger Überlebensmechanismus, der uns Ermächtigung in einer ohnmächtigen Situation suggeriert.

Mit diesem Thema stellen wir Ihnen auch Wege vor, die Sie beschreiten können; Maßnahmen, mit denen Sie sich selber unterstützen können, sowie Orte, an denen Sie Hilfe finden können. Wir möchten Ihre Zuversicht stärken, diese schwierige und manchmal kaum auszuhaltende Situation weiterhin schrittweise, teilweise oder vollständig bewältigen und annehmen zu können.

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