Lumia Stiftung

Geschwisterkinder

Frau Winkelheide, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie uns zur Verfügung stehen und Ihre langjährige Erfahrung mit uns teilen. Sie sind seit vielen Jahren in der Arbeit mit Geschwisterkindern tätig. Sie haben, wenn ich das so sagen darf, Expertenwissen angesammelt.

Würden Sie uns zu Beginn erklären, was das Besondere an der Situation von Kindern ist, die eine Schwester oder einen Bruder mit schwerer Behinderung oder Erkrankung haben? Wie werden Kinder durch eine solche Situation geprägt? Kann man davon sprechen, dass Kinder, die solche Erfahrungen machen, Gemeinsamkeiten entwickeln?

Aus meiner Sicht gibt es einige Gemeinsamkeiten, die durch diese Situationen entstehen und die sich trotz der selbstverständlichen individuellen Unterschiede häufiger bei Geschwisterkindern erkennen lassen. Ich glaube, dass diese Kinder sehr sensibel sind und dass sie sich gut in andere Menschen einfühlen können. Diese Erfahrung habe ich wiederholt gemacht.

Geschwisterkinder (hier immer als Geschwisterkinder von Kindern mit schwerer Erkrankung oder Behinderung gemeint) haben zum Teil sehr früh gelernt, mit anderen Lebensformen zu leben. Das macht sie sozial sehr aufmerksam. Das ist einerseits ein großes Potenzial, kann andererseits aber auch als erschwerend erlebt werden. So könnte ihr Verhalten in Schulklassen zum Beispiel leicht ausgenutzt werden, weil sich diese Kinder für alles verantwortlich fühlen. 

Geschwisterkinder können sich aus meiner Erfahrung besser in ein anderes Leben hineindenken als andere Kinder in ihrem Alter. Sie sind in diesem Punkt oft weiter oder fähiger. Teilweise sogar auch fähiger dazu als manche Erwachsene, was nicht selten dazu führt, dass Erwachsene Angst haben, sie zu begleiten.

Ein weiterer Punkt ist – und das ist in keiner Weise negativ gemeint –, dass sie mit unterschiedlichen Zeitbudgets ihrer Eltern für die erkrankten oder behinderten Geschwister und sich selber umgehen müssen. Auch das verbindet sie miteinander. Aus vielen Erzählungen von Geschwisterkindern weiß ich außerdem, dass sie ein Gefühl der Einsamkeit kennen.

Aus meiner Sicht ist eine ganz wichtige Gemeinsamkeit, dass sie viele Fragen haben, die sich um die großen Themen drehen. Gerechtigkeit zum Beispiel ist ein sehr häufiges Thema.

Ist es gerecht, dass ich gesund bin, mein Bruder oder meine Schwester aber krank? Was bedeutet überhaupt Gerechtigkeit im Leben eines Menschen mit einer schweren Erkrankung oder Behinderung? Ist es ungerecht, wenn ich eifersüchtig bin?

In diesen Fragen stecken auch oft Schuldgefühle. Wenn Geschwisterkinder sich normal entwickeln, Freude an etwas haben, viele Erfahrungen machen können, die ihr erkrankter Bruder oder ihre Schwester nicht machen können, fühlen sie sich häufig schuldig. Es ist wichtig, diese Schuldgefühle zu beachten und den Kindern Raum zu geben, darüber zu sprechen. Es kann wie eine Erlaubnis wirken, wenn die Eltern sagen: „Du darfst Freude empfinden. Du darfst laufen, springen, lachen, lernen, Fähigkeiten haben, die deine Schwester, dein Bruder nicht mehr haben wird ...“

Illustration Schwester Bruder

Eine ganz wesentliche Prägung, die Geschwister von schwer kranken Kindern erfahren, ist, dass sie häufig zu Hause nicht lernen können, sich zu wehren. Das gilt natürlich insbesondere für Familien mit zwei Kindern. Wenn die Schwester/der Bruder so schwer erkrankt oder behindert ist, dann haben sie keine Möglichkeit zur „Rangelei“ (körperlichen Auseinandersetzung, Anm. des Autors). Es werden keine typischen und ganz normalen Geschwisterkämpfe ausgetragen. Stattdessen lernen sie, Rücksicht zu nehmen. Das kann im späteren Verlauf ihres Lebens zu Schwierigkeiten führen. Welches Verhalten ist angemessen, wenn man sich wehren will? Hier ist es eine gute Möglichkeit, dies in Geschwistergruppen sozusagen nebenbei zu üben. Da kann man sich auch mal rangeln oder man findet einen „älteren Bruder“, der nicht krank ist oder eine „jüngere Schwester“ und kann beobachten „Wie ticken eigentlich so kleine Mädchen?“.

Dennoch muss man genau hinsehen, wenn Schwierigkeiten entstehen. Was führt in dieser speziellen Familie bei diesem Kind dazu? Worauf will es aufmerksam machen? Was gibt es für zusätzliche Faktoren? Zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder Wechsel des Wohnorts oder anderes können hinzukommen und Ängste und Sorgen auslösen. Auffälliges Verhalten kann – muss aber nicht – im Zusammenhang mit der Erkrankung oder Behinderung des Geschwisterkindes stehen. Den Gedanken sollte man zulassen können.

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