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Geschwisterkinder

Kinder versuchen möglicherweise über „Auffälligkeiten“ ihren Eltern etwas mitzuteilen?

Das kann ich Ihnen am besten anhand eines Beispiels erklären:

In einer Familie mit einem Kind mit einer schweren Behinderung infolge eines Unfalls ist die gesunde Tochter immer unpünktlich nach Hause gekommen. Das war für die Eltern fürchterlich, sie hatten Angst, dass unterwegs etwas passiert ist, besonders, weil ja schon eines ihrer Kinder einen schweren Unfall gehabt hatte.

Die Unpünktlichkeit wurde nicht besser. Alle Uhren haben nichts genützt. Fernsehverbote und Computerverbote ebenso wenig.

Dann hat sie in einem Geschwisterseminar ein Bild gemalt, das sie mir gezeigt hat. Darauf stand sie ganz nah bei ihrer Mutter. Ich bin keine Therapeutin, ich arbeite mit Eindrücken. Ich frage sie, was diese Zeichnung bedeuten soll. Sie antwortet:

„Ich will nah bei Mama sein.“
      „Weiß Mama das?“
„Nee.“ (Neun Jahre alt, ein bisschen kess.)
      „Sollen wir es Mama mal sagen?“
„Ja.“

Wir haben für dieses Gespräch einen Extratermin vereinbart. Die Familie hat vier Kinder und beide Eltern sind berufstätig. Die Tochter vermittelt ihrer Mutter: „Ich würde gerne eine halbe Stunde pro Woche Zeit von dir haben. Aber ich würde gerne bestimmen, was du mit mir machst.“

Eine halbe Stunde – überlegen Sie mal, was das für ein absehbarer und überschaubarer Zeitraum ist! Das ist viel weniger Zeit als die Mutter darauf verwendet, nach ihrer Tochter zu suchen, sich zu ärgern, Angst zu haben oder Strafen zu kontrollieren.

Die Mutter sagte während des Gespräches leise zu mir: „Jetzt muss ich bestimmt etwas machen, was ich nicht mag.“ Ich habe dann zu ihr gesagt: „Es wäre gut, wenn Sie jetzt nicht sofort sagen würden, dass sie etwas anderes machen möchten.“

Die Tochter wollte gerne Karten und Regelspiele mit der Mutter spielen. Genau die Sorte Spiele, die die Mutter nicht mochte. Trotzdem haben sie sie eine halbe Stunde pro Woche zusammen gespielt. Die Tochter hatte tatsächlich etwas gesucht, was ihre Mama nicht gerne macht.

Illustration Mutter Tochter Karten spielen

Eine Erklärung: Die Mutter musste immer den schwerstmehrfachbehinderten Sohn wickeln, zwölf Jahre alt. Danach sehnt man sich nicht unbedingt. Das macht man mit der Würde, mit der das geschehen muss und mit der man selber behandelt werden möchte, aber schön ist es nicht.

Die Tochter hat also etwas gesucht, was ihre Mutter auch nicht gerne macht, um zu prüfen, ob sie sie genauso lieb hat wie den Bruder. So als hätte sie gesagt:

„Wenn sie jetzt mit mir etwas macht, was sie nicht gerne macht, dann hat sie mich genauso lieb wie meinen Bruder.“

Die Mutter hat den Wunsch erfüllt, nicht zähneknirschend, sondern interessiert. Das war wichtig. Als die Tochter nach sechs Wochen pünktlich wurde, konnten sie auch schon etwas anderes miteinander machen. Sie hatte sozusagen ihren Beweis, und das Problem der Unpünktlichkeit war gelöst.

Hervorheben möchte ich an diesem Beispiel, dass die Mutter bereits vorher spürte, dass ihre Tochter etwas aussuchen würde, was sie nicht gerne mag. Intuitiv war ihr alles klar, der Weg der Klärung musste aber noch gefunden werden. Die Tochter hatte den Anstoß gegeben, weil sie für sich den Liebesbeweis wollte.

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