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Geschwisterkinder

Es klingt schwierig, darauf zu kommen, was das Mädchen seiner Mutter sagen wollte. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es darum hinzusehen, offen zu sein und sich auch Hilfe zu holen. Die Wünsche, die Kinder äußern, sind in der Regel überschaubar oder verhandelbar. Es ist an erster Stelle wichtig, Interesse für sie zu zeigen.

Genau. Wenn man weiß, dass Kinder solche existenziell wichtigen Fragen haben wie in diesem Beispiel: „Hat meine Mutter mich genauso lieb wie meinen Bruder?“, dann lassen sich manche Verhaltensweisen leichter erklären oder man hat mehr Bereitschaft und Neugierde, dahinterzukommen, was die Kinder damit erreichen wollen. Kinder wollen die Eltern nicht zusätzlich belasten. Sie wollen ernst genommen und gesehen werden. Ich empfehle immer:

„Schenken Sie Ihrem Geschwisterkind hin und wieder Momente ungeteilter Aufmerksamkeit.“

Die Betonung liegt hier auf ungeteilt. Das heißt zum Beispiel ohne piepende Geräte im Hintergrund, die dann doch vom Spiel ablenken. Damit geben die Eltern ihrem Kind schon sehr viel. Ein sehr anschauliches Beispiel hierfür ist folgende Geschichte:

Eine Familie, die hier in der Gegend lebt. Das Mädchen nahm bei uns an einem Wochenseminar teil. Sie wollte plötzlich unbedingt nach Hause, hatte Heimweh. Wir haben dann einen Tag lang versucht, einen Weg zu finden, dass sie bleiben kann, aber dann ging es nicht mehr. Als ich mit ihr besprochen hatte, dass sie jetzt zu Hause anrufen kann, sagte sie: „Ich rufe nachher an, wenn mein Vater zu Hause ist.“

Zwei Stunden später rief sie dann zu Hause an und sagte ihrem Vater, dass er sie abholen soll. Als ihr Vater dann bei uns ankam, guckte sie auf die Uhr und sagte: „Siebzehneinhalb Minuten, das reicht.“

Ich kenne die Entfernung und Strecke und weiß, er muss irre schnell gefahren sein. Ich habe ihm gesagt: „Nehmen Sie Ihre Tochter bitte jetzt schnell mit, weil sie unbedingt nach Hause will, aber bitte kommen Sie irgendwann mal wieder, denn in der Aussage ist eine Botschaft, die wir verstehen sollten.“ Das Mädchen kam tatsächlich wieder, später auch zu weiteren Seminaren.

Und die Erklärung der Geschichte war folgende: Sie hatte einen schwer herzkranken Bruder und wenn dieser einen Krampf hatte oder ins Krankenhaus musste, dann haben die Eltern alles stehen und liegen lassen und sind in ein Spezialkrankenhaus gefahren. Sie hat an diesem Wochenende angerufen, als sie genau wusste, dass ihr Vater von der Arbeit kam und warmes Abendessen bekam. Bei den siebzehneinhalb Minuten wusste sie, dass er nicht erst gegessen hat, sondern sofort losgefahren ist. 

Man kann auch denken: „Dieses kleine Biest!“ Sie hätte doch warten können. Aber sie hat den Beweis bekommen, nach dem sie sich gesehnt hatte. Der Vater ist ja auch tatsächlich sofort und schnell gefahren. Er hätte auch erst essen können. Ich sagte dann zu ihm: „Sie sind aber auch nicht so polizeikonform, verkehrsgerecht gefahren.“ „Nee“, sagt er, „das ist mir in solchen Situationen einfach nicht möglich.“ Manchmal kann man also Wünsche erfüllen ...

In den beiden Beispielen haben die Eltern auch irgendwie intuitiv das gemacht, was die Kinder sich wünschten. Aber ohne die Initiative der Kinder hätten sie das nicht umsetzen können.

Und manchmal ist es auch so, dass Wünsche nicht erfüllt werden können. Das ist nicht schlimm. Ich finde es einfach ganz wichtig, dass Geschwisterkinder ihre Wünsche äußern können. Wünsche sind dazu da, geäußert zu werden. Eltern sollten die Wünsche des Kindes immer anhören und dann mit ihren Möglichkeiten reagieren. Dazu gehört auch das „Nein, das geht nicht. Das geht jetzt nicht“. Und es gilt zu lernen, dass es Wünsche gibt, die nie erfüllbar sind, aber doch immer wieder aufmerksam gehört werden sollten: „Mein Bruder soll ganz gesund werden.“ „Ich möchte, dass die Krankheit aufhört.“

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