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Geschwisterkinder

Dass Eltern die Wünsche ihres Kindes nicht sofort umsetzen können, ist aus meiner Sicht ein ganz normaler Umstand. Nachholen lassen sich Wünsche allerdings auch nicht immer. Darauf muss man vorbereitet sein. 

Ich hatte mal ein Mädchen in einer Geschwistergruppe, die sich gewünscht hat, dass die Eltern einen Kindersitter bestellen, damit sie einmal alleine mit ihren Eltern fernsehen kann, genauer, eine Schnulze gucken und ungesunde Chips essen kann. Das ist ja eigentlich eine erfüllbare Sache. Die Situation ist nie gekommen. Ihr Bruder – in diesem Falle sehr beweglich – hat immer geahnt, dass er nicht stören sollte. Genau das hat er aber dann getan. Die Eltern haben sich schon bemüht, es war aber leider nie ungestört. Jetzt ist die Zeit vorbei. Der Bruder lebt heute in einer Einrichtung und für das Mädchen hat sich dieser Wunsch inzwischen erledigt. Ich habe zu den Eltern und dem Mädchen gesagt: „Das ist jetzt nicht so schlimm. Es ist, wie es ist, und nicht zu ändern. Der Wunsch wurde gehört, es hat Bemühungen gegeben, mehr war leider nicht drin.“

Es gilt, Kindern gegenüber aufmerksam zu sein und deren Situation realistisch zu sehen. In den Geschwistergruppen gibt es derzeit eine Lieblingskarte, darauf steht: „Ja, das hast Du gut gemacht!“ oder eine andere: „Ich bin stolz auf Dich!“

Etwas, was Eltern tun können, ist, den Kindern ab und an Anerkennung dafür zu geben, was sie aushalten. Im Sinne von:

„Ich bin stolz auf dich, weil du das mit mir aushältst.“

Ich glaube, Offenheit und Ehrlichkeit der Eltern helfen sehr viel weiter. Ruhig auch mal die offene Frage zu stellen: „Was wünschst Du Dir denn wirklich von mir?“ Wenn Kinder lernen, dass Eltern bereit sind, das zu erfüllen, wünschen sie sich nichts Unmögliches.

Illustration Stolz auf dich

Können Sie uns Ihre Sicht auf die besondere Situation unserer Familien beschreiben? Familien, deren Kind durch einen Unfall oder ein plötzliches Ereignis schwere Beeinträchtigungen erlitten hat.

Ich denke, für Familien, deren Kind durch ein solches Ereignis von Behinderung betroffen ist, gibt es zunächst die Phase des Schocks. Das geht gar nicht anders. Die Eltern sitzen da im Krankenhaus und begreifen selber erst mal kaum, was das jetzt bedeutet, dass ihr Kind diesen Unfall hatte.

Ich glaube, das ist die Phase, in der man auch möglicherweise vergisst, den anderen etwas zu erklären. Es fehlen einem noch die Worte. Eltern müssen hier aus meiner Sicht kein großes Vorbild sein, indem sie etwas sagen wie: „Wir schaffen das schon“, wenn sie in dem Moment selber noch gar nicht dran glauben. Aber es hilft schon sehr viel in dem Moment, wenn sie stattdessen ihrem anderen Kind oder ihren Kindern offen sagen:

„Ich weiß jetzt im Moment auch nicht weiter. Aber wir wollen hoffen, dass wir das als Familie schaffen.“

Ich empfehle, auch und besonders in solch schwierigen Lebenssituationen offen und authentisch mit Kindern zu sprechen. Es hilft nicht, so zu tun, als könnte man das alles souverän meistern. Kinder spüren sowieso die Angst und Unsicherheit ihrer Eltern. Das gehört dazu.

In dieser Phase könnten Eltern zu ihren Kindern beispielsweise sagen: „Für mich ist das alles jetzt auch genauso neu wie für dich. Möglicherweise kann es sein, dass wir jetzt nicht so gut auf dich achten können. Sag uns bitte Bescheid, wenn es so ist. Und wenn wir dich zur Betreuung jetzt häufiger abgeben, ist das nicht, weil wir dich weniger mögen, sondern weil wir es einfach nicht anders wissen.“

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