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Geschwisterkinder

Gibt es Besonderheiten in Bezug auf Geschwisterkinder, auf die man achten muss, wenn in der Familie eine Erkrankung so plötzlich eintritt? Im Vergleich zu einer Erkrankung, die sukzessive entsteht, oder zu der Situation, dass ein Kind in eine Familie geboren wird, in der es schon ein erkranktes Kind gibt.

Ich glaube, da gibt es schon Besonderheiten. Die Phase des Schocks zum Beispiel, die ich gerade beschrieben habe, wird in diesen Familien besonders stark ausgeprägt sein.

Aus Sicht eines Kindes kann sich in dieser besonderen Situation Folgendes ergeben. Wenn ein Kind erlebt hat, dass die Schwester/der Bruder zum Beispiel beinahe ertrunken ist oder einen Verkehrsunfall erlitten hat, könnte es daraus folgern, dass ihm ein solcher Unfall ebenfalls passieren kann. Das ist eine besonders heikle Frage, die Kinder aber möglicherweise erst mal eine ganze Zeit nicht stellen, da sie ja die Eltern nicht noch mehr beunruhigen möchten.

Sollte diese Frage dann irgendwann gestellt werden, können Eltern im Prinzip nur sagen: „Das hoffen wir nicht, so etwas passiert sehr selten.“ Sie nehmen die Angst ernst und versuchen sie abzuschwächen.

Ich empfehle, wenn Eltern so etwas widerfährt und sie feststellen, dass sie die Situation ihres gesunden Kindes im Moment nicht überblicken können, dass sie sich verbindliche – und das ist mir ganz besonders wichtig –, verbindliche Ansprechpartner suchen, zu denen ihr Kind auch mit Fragen und Themen hingehen kann. Das ist kein Versagen der Familie, sondern das ist eine Unterstützung, die meiner Erfahrung nach wirklich wieder in die Familie zurückkommt.

Die Familien, die wir begleiten, haben ein Kind mit schwerster Hirnschädigung. Ein Zustand, der auch für Erwachsene viele Fragen aufwirft. Was würden Sie diesen Eltern empfehlen, wie sie ihren gesunden Kindern gegenüber die richtigen Worte finden?

Wie gesagt glaube ich, dass es hilfreich sein könnte, wenn Geschwisterkinder in solchen Situationen noch zusätzliche Menschen hätten, die ihnen zuhören. Es müssen nicht immer die Eltern sein. Menschen, die ihnen möglicherweise auch das Angebot machen können: „Wenn du was fragen willst, kannst du mich fragen.“ Diese Ansprechpartner müssen auch nicht von vornherein alles wissen. Ich sage in solchen Situationen auch immer: „Ich weiß nicht, ob ich dir eine Antwort geben kann.“ 

Kinder müssen lernen, und das auch ruhig im frühen Alter, dass es Fragen gibt, die nie eine Antwort finden, und dass es Fragen gibt, die ganz konkrete Antworten haben. Und es gibt Fragen, auf die die Menschen unterschiedliche Antworten geben. Bei den Familien wird es sicherlich auch die Frage geben:

„Was kann ich denn jetzt mit meiner Schwester/meinem Bruder machen?“

Ich würde sagen: „Erzähl ihm/ihr alles, was du magst. Wir wissen nicht, was er/sie versteht. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch auf besondere Weise spürt, dass da jemand ist. Nähe ist wichtig. Mach dir keinen Druck. Mach das, wenn du es willst und kannst.“ Nach meiner Erfahrung sind Kinder da ganz toll.

Ein Geschwisterkind erzählte zum Beispiel: „Ich verstehe meinen Bruder immer. Der atmet mit der Haut oder spricht mit der Haut und dann sehe ich, wie die Haut sich verändert.“

Illustration Schwester Bruder

Eltern sollten sich in dieser außergewöhnlichen Situation Unterstützung holen. Die familiären Aufgaben möglichst teilen und Hilfe annehmen, für ungeteilte Augenblicke mit dem Geschwisterkind sorgen und weitere Ansprechpartner ermitteln, das sind Empfehlungen, die ich wirklich geben kann. Und die unterstützenden Ansprechpartner oder Angebote für die Geschwisterkinder müssen abgestimmt sein und verbindlich!

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