Lumia Stiftung

Geschwisterkinder

Sie empfehlen, realistisch, offen und authentisch mit Geschwisterkindern umzugehen.

Ja, Offenheit ist das Wichtigste bei allen Erkrankungen. Eltern sagen oft, dass sie nicht vor ihrem Kind weinen wollen. Das ist unter Umständen sogar belastender, wenn die Eltern das nicht tun und die Kinder es doch spüren. Ich erfahre immer wieder, dass die Kinder ohnehin wissen, was ihre Eltern fühlen. Weil sie die Kinder ihrer Eltern sind und deren Gefühlswelt kennen.

Da gibt es einen schönen Eintrag in unserem Gästebuch in der Geschwisterbücherei: „Wir kamen, um zu fragen, wann es Zeit ist, unserem Sohn zu sagen, dass er einen behinderten Bruder hat. Wir gingen mit der Auffassung, dass er es schon weiß und wir nur die Situation schaffen müssen, dass wir gemeinsam darüber sprechen. Und fast war es im Wegfahren, dass er gefragt hat. Er war vier und hat es schon gewusst.“

Wenn Eltern bereit sind und in gewisser Weise ausstrahlen, dass gefragt werden kann, dann werden die Fragen auch gestellt.

Authentisch zu sein ist abhängig davon gemeint, wie weit die Eltern schon selber bereit sind, die Wahrheit anzuerkennen. Ganz am Anfang zum Beispiel sind sie sprachlos, und das dürfen sie auch sein. Ich glaube nicht mal, dass Geschwisterkinder fragen: „Warum weinst Du?“ Ich vermute, dass die Geschwisterkinder sich erst einmal zurückziehen.

Und wenn sie es doch fragen, dann können Eltern wie gesagt ruhig antworten: „Wir sind traurig. Wir wissen auch nicht, wie es weitergeht. Wir müssen jetzt auf die Ärzte hoffen und alles tun, was wir tun können.“ Mehr kann man doch nicht sagen.

Das Gleiche gilt übrigens auch für das erkrankte Kind selber. Eltern sprechen hoffentlich auch mit ihrem erkrankten Kind offen: „Wir wissen jetzt nicht, was bei dir ankommt, aber es ist etwas passiert …“ Das ist auch gut für die eigene Gefühlswelt. Ich glaube nicht, dass Kinder geschont werden sollten. Ich glaube, Kindern sollte Mut gemacht werden, ihre Fragen zu stellen.

Man darf in Ihren Augen also Kindern diese Belastung zumuten?

Ja, in meinen Augen darf man das. Wir können die Belastung ja nicht wegnehmen.

Sie ist da. Jeder spürt das, Kinder besonders. Und das Leben ist belastend in manchen herausfordernden Situationen. Die Eltern werden gerade am Anfang auch gar keine Zeit haben, eine Belastung zu verhindern. Man könnte auch nicht sagen, dass es bestimmte Dinge gibt, die Eltern tun können, damit ihr Kind nicht überlastet wird. Die Eltern wissen ja nicht, was auf sie zukommt.

Hilfreich ist es generell, wenn Kinder lernen, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann. Dass jeder von uns nach Lösungen sucht und sein Bestes gibt. Ein Beispiel:

Da sind zwei Kinder, die erlebt haben, dass der Bruder mit dem Hubschrauber wegen eines bedrohlichen epileptischen Anfalls ins Krankenhaus gebracht wurde und Mama mitkam. Papa war nicht da, und Oma und Opa brauchten 20 Minuten, bis sie vor Ort waren. Als die Kinder mir dies erzählt haben, habe ich sie gefragt: „Was habt ihr denn da gemacht?“ „Wir haben den Fernseher angemacht.“

Das finde ich toll an Kindern. Da gerät die Welt aus den Fugen und sie suchen sich etwas, das normal ist und funktioniert – wenn gerade nichts anderes mehr funktioniert. Das sind oft technische Geräte. Diese Möglichkeit der Bewältigung habe ich aus Geschichten von Kindern gelernt, die sie mir so erzählt haben.

Und ihre Mutter hatte ja keine Wahl. Sie musste ihren Fünf- und ihren Siebenjährigen für 20 Minuten alleine lassen. Das hätte sie nicht freiwillig getan, sondern ausschließlich, um das Leben des anderen Kindes zu retten. Das ist eine belastende Situation.

Wichtig ist auch noch zu wissen, dass Kinder viel aushalten. Sie haben eine andere Realität als Erwachsene. In dem Moment, in dem wir Erwachsene schon denken: „Wie wird sich unser Leben jetzt dadurch ändern?“, haben Kinder erst mal nur den Moment. Sie haben die Sorge: „Mama ist weg und Oma und Opa sind noch nicht da. Und ich hab Angst, dass mein Bruder sterben könnte.“ Dann brauchen sie Sicherheit wie etwa durch den funktionierenden Fernseher, der in dem Moment gegen die Angst hilft. Kinder finden ganz eigene Strategien.

Ich glaube auch, dass Kinder so früh wie möglich ihre Geschwister sehen sollten.

Alles, was man sieht, kann man besser begreifen.

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