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Hoffnung & Trauer

Der Begriff des uneindeutigen oder ungesicherten Verlusts bezeichnet einen Aspekt, der entsteht,

  • wenn jemand körperlich abwesend ist, aber kein Abschied möglich war oder keine Gewissheit über sein Leben/seinen Tod/seinen Verbleib besteht (zum Beispiel Vermisste, Kriegsgefallene) – „leaving without good-bye“,
  • oder jemand körperlich anwesend ist, aber psychisch oder emotional abwesend ist beziehungsweise nicht erreicht werden kann (zum Beispiel Koma, Demenz, Depressionen) – „good-bye without leaving“.

Wenn Menschen einen Verlust bewältigen müssen, der ungesichert bleibt, nicht abgeschlossen werden kann, der also andauert, sind sie über einen langen Zeitraum mit einer äußerst ambivalenten Situation konfrontiert. Hier können Hoffnung und schleichende Gewissheit wie zwei Pole sein, die in unterschiedliche Richtung wirken.

Mit dieser Zwiespältigkeit kann auch das Krankheitsbild Wachkoma und nachfolgende Bewusstseinszustände für Angehörige und andere umstehende Personen verbunden sein. Bereits im umgangssprachlichen Namen ist diese Gegensätzlichkeit enthalten – das Kind ist „wach, aber komatös“. In diesem Spannungsfeld haben wir jedoch auch Kräfte bei Angehörigen sich mobilisieren und Lebensqualität wieder wachsen sehen.

Illustration Hoffnung

Hoffnung kann ein Motor sein, egal ob sie sich auf die vollständige Gesundung des Kindes bezieht, auf Zwischenziele, auf kleine Erfolge  oder sich in einem Vertrauen darstellt, „… dass es so, wie es ist, gut werden kann“.

Schleichende Gewissheit bringt gleichzeitig den Nährboden für wichtige Trauerprozesse. Abschied zu nehmen von bestimmten  Vorstellungen, Wünschen und Perspektiven – letztlich von dem gesunden Kind, wie es war – bedeutet, das Kind zu betrauern, und ermöglicht ein stückweises Annehmen dessen, was ist.

„Trauer ist eine gesunde Reaktion unseres Organismus, der sich schützen will, um Ruhe und Zeit zu haben, die Wunde heilen zu lassen und zu verstehen, wer wir waren, wer wir jetzt sind und in Zukunft sein werden.“

Dr. phil. Heike Goebel, unter anderem Psychotraumatologin und Kunsttherapeutin, Bammental

Unsere frühere Kollegin Gudrun Streit, Mutter der Zwillinge Lisa und Oskar, die vor vielen Jahren im Kleinkindalter gemeinsam einen Beinahe-Ertrinkungsunfall erlitten haben, berichtet über ihre Trauer. Lisa hat sich damals nach kurzer Zeit wieder vollständig erholt, während Oskar sich über einige Monate im Zustand Wachkoma befand und bis heute schwerere Langzeitfolgen zurückbehalten hat.

„Dieser Schmerz über den plötzlichen Verlust der gesunden Kinder war so groß, dass wir uns nur ‚in Portionen‘ getraut haben uns diesen Schmerz anzuschauen aus Angst, handlungsunfähig zu werden. Trotzdem haben wir beide unabhängig voneinander Methoden benutzt, uns so schnell wie möglich dieser Trauer zuzuwenden, da wir beide intuitiv gespürt haben, wie wichtig das ist, um weitermachen zu können. […]

In den Momenten, in denen ich mich vollständig von Traurigkeit überwältigt fühlte, war es ein großer Trost, alle meine Kinder täglich um mich zu haben, auch wenn die Belastung gerade in der ersten Zeit riesengroß war. Dass ich relativ schnell nach circa einem Jahr begonnen habe, über uns zu schreiben und kleine Artikel zu veröffentlichen, hat mir geholfen, unser Schicksal in einem größeren Kontext zu sehen und zu empfinden und mich mit den Schicksalen anderer zu verbinden. So hat unser Unglück aufgehört, sich so unerhört besonders anzufühlen.

Es gibt auch immer wieder Initiationszeiten, in denen sich Trauer plötzlich wieder in einem neuen Gewand zeigt. Der Jahrestag des Unfalls, die Zwillingsgeburtstage […]. Ich habe mich daran gewöhnen müssen und bin immer mehr darauf vorbereitet.“

Trauer benötigt Zeit und Raum. Sie wird durch Rituale erleichtert und unterstützt. Dieses wird durch den Pflegegalltag erschwert, in dem häufig Zeit und Raum fehlen. Es ist empfehlenswert, kleine Zeitinseln zu schaffen, in denen Sie sich dem Abschied von dem, was Sie verloren haben, zuwenden können. 

Rituale können sein:

  • sich regelmäßig zu einer festen Zeit hinsetzen und einige Zeilen schreiben an Ihr Kind, wie es vor der Veränderung war;
  • Symbole für das Verlorene finden und ihnen einen Ort geben – den können Sie aufsuchen, um dort ganz bestimmten Gefühlen Raum zu geben;
  • an festen Trauerangeboten teilnehmen.
Illustration Schreiben

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