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Hoffnung & Trauer

Wir haben die Trauerexpertin Chris Paul nach ihren Gedanken zu dieser besonderen Situation in der Familie gefragt:

Trauerprozesse laufen bei Menschen sehr unterschiedlich ab. Es gibt mehrere Bereiche der Trauer, und jeder Mensch ist zu verschiedenen Zeiten in einem dieser Bereiche, bleibt dort unterschiedlich lange und hat eine eigene Geschwindigkeit. Wie schafft man es innerhalb einer Familie, trotzdem beieinander zu bleiben und gegenseitiges Verständnis dafür aufzubringen, dass der andere vielleicht an einem anderen Punkt ist als ich?

„Mit ganz viel Geduld und ganz viel Respekt. Und indem man sich möglichst Hilfe von außen holt. Das können Trauerbegleiter sein, das können Therapeuten sein, das können Trauergruppen sein, das können aber auch einfach gute Freunde sein, die sich ein bisschen verteilen. Die beste Freundin der Mutter spricht mit ihr über ihre Trauer und der Kumpel des Mannes spricht mit ihm und die Lehrerin spricht mit der Schwester. So dass alle Familienmitglieder Möglichkeiten haben, zu sprechen und sich zu entlasten, Dinge auch außerhalb der Familie zu gestalten. Dann kann man geduldiger zurückkehren und denken ‚Oh, ja, die machen das ja alle ganz anders‘. Da die Bedürfnisse woanders gestillt wurden, kann man das dann leichter einfach zur Kenntnis nehmen. 

‚Trotzdem sind mein Mann, meine Frau, meine Kinder, meine Eltern, meine Geschwister und die anderen mir wichtig. Die machen das ganz anders, aber sie sind da. Sie können vielleicht nicht mit mir ins Krankenhaus gehen, aber sie können vielleicht etwas anderes mit mir machen.‘

Dann fängt man an, wie in einem multikulturellen Haushalt die unterschiedlichen Sprachen zu akzeptieren und nicht mehr so wütend zu sein, dass die anderen andere Trauersprachen sprechen oder in einem anderen Tempo trauern. Dann versuchen wir trotzdem gemeinsame Punkte zu finden und die Gestaltung des Lebens auszuhandeln wie bisher. Wer fährt wann ins Krankenhaus und wie wird das Zimmer unseres Kindes umgestaltet? Da kann nicht einer sagen ‚So ist es‘.

Dann kann man gemeinsame Nenner suchen mit viel Raum für Eigenständigkeit und gestärkt durch die Unterstützung von außen. Und gut ist, wenn man das Weiterleben nicht zu kurz kommen lässt. Jede weiterlebende Familie muss auch mal eine Radtour machen und vielleicht Pflaumenkompott einkochen oder sonst was. Auch andere Dinge miteinander teilen als die Trauer.“

Illustration Unternehmungen

Was hilft nicht?

Es gibt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die uns nicht guttun. Häufig wissen wir das sogar, können aber einfach nicht anders. Eine neue Perspektive kann hier vielleicht interessant sein.

Medien, Familie oder Freunde weisen uns manchmal besorgt darauf hin, dass wir „uns nicht überarbeiten sollen“, „dass wir uns mehr um uns selbst kümmern sollen“, oder fragen, „ob das abendliche Glas Wein zur Gewohnheit wird“.

Häufig lösen solche Äußerungen von außen oder auch eigene Gedanken mit diesem Inhalt einen tiefen Zwiespalt in uns aus, denn wir tun oder unterlassen diese Dinge ja nicht ohne Grund. Wir erfüllen uns etwas mit diesen Handlungen und wissen gleichzeitig häufig bereits, dass sie uns auf Dauer möglicherweise schaden. Was erfüllen wir uns also damit?

Illustration Was hilft nicht

Wenn eine Freundin Sie zum Beispiel darauf hinweist, Sie sollen sich nicht überarbeiten, kann es sein, dass Sie einen Widerstand in sich gegen diese Äußerung spüren. Sie trifft auf Ihren guten Grund. Mögliche gute Gründe für vieles Arbeiten können sein:

  • Sie möchten sich verdient machen, Engagement zeigen und letztendlich auf diesem Weg Anerkennung und Liebe erhalten – ein guter Grund.
  • Sie möchten das Leid eines anderen Menschen mildern, Ihre Fürsorge ausdrücken – ein guter Grund.
  • Sie haben Angst vor dem Verlust Ihres Arbeitsplatzes und möchten sich und Ihre Familie vor finanzieller Not schützen – ein guter Grund.
  • Sie möchten nicht zur Ruhe kommen, sich vor unangenehmen Gefühlen schützen – ein guter Grund.

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